Der rote Stern der Kriegsteilnehmer
vom Zeichen der Roten Armee zum Zeichen der Erinnerung an Kriegsteilnehmer
Vorgeschichte
1994 fuhr ich mit dem Zug von St. Petersburg nach Ekatarinenburg. Dort wurde ich von einem Freund abgeholt und wir fuhren zusammen eine Stunde lang mit der Elektritschka in die Siedlung Iset. Nach Aussage meines Freundes kommt der Name vom Tatarischen und bedeutet „Der Hund bellt“.
So stapften wir an diesem Novemberabend durch das graue Nichts der Siedlung welche alles andere als einladend war. Irgendwann erreichten wir eine finster wirkende Chruschtschowka und stiegen die Treppen hinauf in den zweiten oder dritten Stock. An der dunkelbraunen Türe angekommen fielen mir die beiden roten Sterne auf und ich fragte Andrej nach der Bedeutung.
„Diese roten Sterne stehen in der gesamten Sowjet-Union dafür, daß diese Bewohner Kriegsteilnehmer gewesen sind“
Kaum ein Symbol ist so eng mit der Sowjetunion verbunden wie der “rote fünfzackige Stern“. Er schmückte Uniformen und Fahnen, Orden und Denkmäler, öffentliche Gebäude und schließlich nahezu jede Form offizieller sowjetischer Darstellung. Für Millionen Menschen wurde er zum Zeichen der Roten Armee, des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland und – nach dem Zweiten Weltkrieg – auch zum Symbol für die Erinnerung an die Gefallenen und Kriegsteilnehmer.
Doch woher kommt dieser Stern eigentlich?
Ein Symbol, das älter ist als die Sowjetunion
Die fünfzackige Sternform wurde nicht von den Bolschewiki erfunden. Sterne mit fünf Zacken waren bereits im europäischen Militärwesen des 18. und 19. Jahrhunderts bekannt. Auch in der russischen Zarenarmee wurden solche Sterne für militärische Rangabzeichen verwendet. 1827 wurden beispielsweise Sterne auf den Epauletten russischer Offiziere und Generäle eingeführt.
Nach der Revolution von 1917 erhielt das Symbol jedoch eine völlig neue politische und militärische Bedeutung.
Die neu geschaffene Rote Armee benötigte eigene Abzeichen. Der rote Stern wurde 1918 als offizielles militärisches Zeichen übernommen. Eine historische Darstellung der Library of Congress datiert seine Einführung als offizielles Emblem der Roten Armee auf April 1918.
Der rote Stern verband dabei zwei Elemente: Rot, die Farbe der revolutionären Bewegung, und den “Stern“, der bereits eine militärische Tradition besaß.
Vom Militärzeichen zum Symbol des Sieges
Seine wahrscheinlich stärkste emotionale Bedeutung bekam der rote Stern während und nach dem “Großen Vaterländischen Krieg“, wie der Zweite Weltkrieg in der sowjetischen Erinnerungskultur bezeichnet wurde.
Der Stern auf der Uniform eines Soldaten stand nun nicht mehr nur für die Rote Armee. Er wurde mit der Front, dem Opfer der Soldaten und schließlich mit dem Sieg von 1945 verbunden.
Das Bild des sowjetischen Sieges über Deutschland wurde besonders stark mit der sowjetischen Flagge verbunden, die den roten Stern über Hammer und Sichel trug. Die Eroberung Berlins und die sowjetische Siegesflagge wurden zu zentralen Bildern der sowjetischen Erinnerung.
Damit bekam der Stern für viele Menschen eine persönliche Dimension.
Er erinnerte an einen Vater, der nicht zurückgekommen war.
An einen Bruder, der an der Front gefallen war.
An einen Ehemann, der Jahre im Krieg verbracht hatte.
Und an die Männer und Frauen, die als Soldaten oder Angehörige der Streitkräfte den Krieg erlebt hatten.
Die roten Sterne an Häusern
Hier wird es besonders interessant.
In der Sowjetunion wurden “Gedenk- und Hinweisschilder an Wohnhäusern angebracht, in denen Kriegsveteranen lebten“. Solche Tafeln konnten einen roten Stern tragen und beispielsweise darauf hinweisen, dass in dem betreffenden Haus ein Veteran des Großen Vaterländischen Krieges wohnte.
Ein erhaltenes sowjetisches Emailschild trägt beispielsweise die Aufschrift:
Hier lebt ein Veteran des Großen Vaterländischen Krieges.
Das Schild ist mit einem roten Stern und Lorbeerzweigen gestaltet. Solche Tafeln dienten als sichtbare öffentliche Würdigung des Veteranen und machten zugleich den militärischen Hintergrund der betreffenden Person kenntlich.
Dabei muss man allerdings zwischen dem “roten Stern als allgemeinem sowjetischem Militärsymbol“ und einem “konkreten Veteranenschild an einem Wohnhaus“ unterscheiden.
Nicht jeder rote Stern an einem Gebäude bedeutete automatisch:“Hier wohnt ein Kriegsteilnehmer.“
Der Stern konnte ebenso ein staatliches oder militärisches Symbol sein, ein Bestandteil einer Gedenktafel oder schlicht Teil der sowjetischen Architektur und Dekoration.
Warum wurde ein solches Zeichen an der Haustür angebracht?
Für die sowjetische Gesellschaft hatte der Zweite Weltkrieg einen außergewöhnlichen Stellenwert. Der Krieg hatte praktisch jede Familie betroffen. Millionen sowjetischer Menschen waren gefallen, vermisst, verwundet oder hatten Jahre an der Front verbracht.
Ein Schild am Wohnhaus machte aus der privaten Kriegserfahrung eine “öffentliche Erinnerung“.
Wer an einem solchen Haus vorbeiging, sollte erkennen können:
Hier lebt jemand, der am Krieg teilgenommen hat.
Das war zugleich Anerkennung und Erinnerung.
Der Veteran wurde damit nicht nur als Privatperson betrachtet, sondern als Teil einer Generation, die mit dem Sieg von 1945 verbunden wurde.
Der Stern und die Erinnerungskultur
Nach 1945 wurde der rote Stern deshalb immer stärker zu einem Erinnerungszeichen.
Er erschien auf Kriegerdenkmälern, Orden, Medaillen, Fahnen und Gedenktafeln. Zusammen mit dem Datum “1941–1945“ wurde er zu einem der bekanntesten visuellen Zeichen der sowjetischen Kriegserinnerung.
Dabei hatte der Stern mehrere Ebenen:
- Militärisch war er das Zeichen der Roten Armee.
- Staatlich wurde er zu einem Bestandteil der sowjetischen Symbolik.
- Politisch stand er für die kommunistische und sowjetische Ordnung.
- Erinnerungskulturell wurde er zum Zeichen des Sieges und des Gedenkens an die Kriegsgeneration.
Diese verschiedenen Bedeutungen existierten gleichzeitig.
Ein Symbol zwischen Staat und persönlicher Erinnerung
Gerade darin liegt die besondere Geschichte des roten Sterns.
Für die sowjetische Führung war er ein staatliches und politisches Symbol. Für einen Soldaten konnte er dagegen ganz persönlich sein: das Zeichen seiner Armee, seiner Einheit und seiner Kriegserfahrung.
Für eine Familie konnte derselbe Stern an einer Gedenktafel wiederum an einen gefallenen oder heimgekehrten Angehörigen erinnern.
Und für spätere Generationen wurde er zum Symbol einer vergangenen Epoche.
Der rote Stern war deshalb niemals nur ein einfaches geometrisches Zeichen.
Er konnte Macht und Staat, Armee und Revolution, Sieg und Trauer, Erinnerung und persönliche Lebensgeschichte zugleich bedeuten.
Was bedeutete der Stern an der Haustür eines Veteranen?
Wenn an einem sowjetischen Wohnhaus tatsächlich eine entsprechende Veteranentafel angebracht war, hatte sie eine klare soziale Botschaft:
Hier lebt ein Mensch, dessen Leben mit dem Krieg und dem sowjetischen Sieg verbunden ist.
Das Zeichen machte den Veteranen sichtbar.
Es war eine Form öffentlicher Anerkennung und zugleich ein Bestandteil der sowjetischen Erinnerungskultur.
Heute sind solche Schilder historische Zeugnisse einer Gesellschaft, in der der Krieg einen enormen Platz im kollektiven Gedächtnis einnahm.
Der kleine rote Stern an einer Haustür konnte damit eine erstaunlich große Geschichte erzählen.
Er verwies auf die Entstehung der Roten Armee, auf die sowjetische Revolution, auf den Krieg von 1941 bis 1945 und schließlich auf die Menschen, die diesen Krieg erlebt hatten.
Aus einem militärischen Abzeichen war ein Symbol geworden – und aus diesem Symbol ein Zeichen persönlicher Erinnerung.































